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BRAVO – Headlines, Hypes und Herzschmerz
Ulkiger ARD-Dreiteiler beleuchtet Aufstieg und Niedergang der "Bravo"

Die Bravo wird 70 und die ARD-Mediathek feiert sie mit einer dreiteiligen Dokumentation aus Zeiten, als das Magazin die Jugendkultur noch definierte. Das ist lange her.
Jan Freitag, KNA
Anfang der Neunziger war die Welt zwar nicht in Ordnung, aber sortierter. Winter waren kalt und Sommer warm. Deutschland wurde vereinigt und Kohl erneut Kanzler. Im Wohnzimmer wettete Thomas Gottschalk, draußen gab's nur Kännchen - und die Kinder lasen ein Magazin, das nach Eierlikör klang, aber wie Alkopops schmeckte: die Bravo.
In der Wendezeit, erinnert sich Alex Gernandt in der ARD-Doku, die ab 23. Mai in der Mediathek zu sehen ist, "kamen wir auf 1,7 Millionen verkaufte Exemplare". Und weil sie aus Sicht des damaligen Reporters "im Schnitt durch vier Hände gingen", kam die einstige "Zeitschrift für Film und Fernsehen" auf "sechs Millionen Kunden-Kontakte". Fast schon surreale Zahlen aus heutiger Sicht.

Der ehemalige Bravo-Chefredakteur Alexander Gernandt Fotos: ARD Kultur/Looks Media/Benjamin Kahlmeyer
Mittlerweile liegt die Druckauflage bei 43.000 Heften. Monatlich, wohlgemerkt. Nicht pro Woche wie im Rekordjahr 1991, als die DDR das Stammpublikum vergrößerte. Beim Betrachten der ARD-Doku dürften sich Millennials allerdings ebenso wie Boomer über etwas ganz anderes wundern: Die Bravo gibt's noch? In der Tat! Wenngleich ein wenig anders als früher, wie das neue Heft zeigt.
Es gibt weder Fotolovestory noch Musikcharts, statt Werbung viel Astrologie und kein einziges Interview mit Superstars, die in der Münchner Redaktion jahrelang gestapelt wurden. Jetzt entsteht das Blatt in Köln, wo mit Taylor Swift und BTS zwar Megastars auf dem Cover landen. Im Inneren aber sorgen Kati K, Central Cee, Legendary Mirko für erwachsenes Stirnrunzeln. Das mag bei der halb so alten Bravo einst ähnlich gewesen sein. 35 Jahre nach der Erstausgabe am 26. August 1956 aber war sie eben noch Teil der Mehrheitskultur.
Wilde Mischung
Und wie bunt, laut, schrill es da zuging, zeigt Mariska Liefs Dreiteiler "Headlines, Hypes und Herzschmerz", der am 1. Juni auch im Ersten zu sehen sein wird. 90 Minuten ziehen die Comedians Ariana Baborie, Gazelle Vollhase und Aurel Mertz in eine Art Bravo-WG, wo sie mithilfe unbekannt verzogener Mitbewohner von Blümchen über Eko Fresh bis Jeanette Biedermann den Werdegang der weltgrößten Jugendzeitschrift analoger Tage schildern.
Statt Aufstieg-Konsolidierung-Abstieg geht es bei Lief fröhlich durcheinander. Eloy de Jong erzählt, wie Bravo sein Casting-Produkt Caught in the Act zur profitablen Boygroup pushte, und Senna Gammour, wie sie ihr Casting-Produkt Monrose zur profitablen Girlband schrieb. Ohne einer Dramaturgie zu folgen, wird sodann "Dr. Sommers" sexuelle Früherziehung mit Gangstarap, Eurodance, Starschnitt, Dagi Bee und Angelo Kelly zu einer ähnlich wilden Mischung medialer Peergroup-Bespaßung gemischt wie das gedruckte Heft selbst.
Ein krawalljournalistisches Boulevardmagazin, das Ex-Chefredakteur Gernandt "entweder Steigbügelhalter oder Geschmacksverstärker" nennt – weil es Trigger und Trends mal ergriffen, mal erschaffen und die Persönlichkeitsbildung Heranwachsender gut 50 Jahre lang mehr geprägt hat als Elternhaus und Schule zusammen. Dabei sei es nie um "Wahrheit, Recherche, Differenzierung" gegangen, beschreibt Popkulturforscherin Annekathrin Kohout im Film das Erfolgsgeheimnis der Bravo, sondern um "Emotion, Spektakel, Unterhaltung".
Auf dem Abstellgleis
Wer sich da an soziale Echokammern des ehemaligen Neulands Internet erinnert fühlt, ist auf der richtigen Spur eines angekündigten Niedergangs. Denn ausgerechnet jene Geister, die die Bravo mit ihrer unermüdlichen Erregungsmaschinerie rief, haben sie im Sog der Print- und Anzeigenkrise aufs Abstellgleis der Aufmerksamkeitsökonomie geschoben.
Ein Mitglied der Titelseiten-Dauergäste Kelly-Family bringt es auf den Punkt: "Wahrscheinlich waren wir das Authentischste, was Bravo je hatte", sagt Angelo beim Durchblättern alter Ausgaben, "und das Allermeiste, was du hier siehst, ist fake".
Reichweitenstarke Lügen, die die Algorithmen digitaler Plattformen verlässlicher nach oben spülen als jede noch so journalistische Story also. Und das in Echtzeit. Schlechte Karten fürs Papierformat. Insgesamt über eine Million Instagram- oder TikTok-Follower klingen zwar nach einer messbaren Exit-Strategie. Viel Geld verdient der Bauer-Verlag mit seiner früheren Cashcow jedoch wohl kaum noch. Meinungsbildende Medien analoger Tage haben ihre Gatekeeper-Funktion halt weitgehend eingebüßt. Nur: Nicht mal im volatilen Tageszeitungssektor ist der Strukturwandel spürbarer als bei der Nachwuchspublizistik.
Digitales Methadon
War Bravo für mehrere Generationen pubertierender Teenies die empathisch saftige, lebensbejahend unpolitische, freundschaftlich eskapistische, mitunter einzig verlässliche Begleiterin auf dem steinigen Weg Richtung Ernst des Lebens, wissen junge Digital Natives jetzt womöglich nicht mal mehr, dass es gedruckte Zeitschriften überhaupt noch gibt – von einer für sie selber ganz zu schweigen. Als digitales Methadon allerdings geht bravo.de im Drogencocktail berauschender Videoportale und Messenger schlicht unter.
Vermeintliche Aufklärungsarbeit leistet Youporn nun plastischer. Als geschmacksverstärkende Steigbügelhalter sind Twitch und Youtube effektiver. Dusseligen Gossip erfindet sogar das Goldene Blatt virtuoser. Orientierungshilfe bieten längst Influencer statt Redakteure. Und die Bravo-Hits? Laufen bei Spotify. Damit erleidet die Marke am 70. Geburtstag zwar nicht das Schicksal verwitterter Konkurrenten wie "Popcorn" oder "Pop/Rocky". Doch als Adoleszenz-Almanach hat sie definitiv ausgedient. Die Gründe dafür sind aber gar nicht mal traurig, sondern wie der Papiertiger im Digitaldschungel selbst: auf ebenso grelle wie wirre Art ulkig.
Stats

Titel: BRAVO – Headlines, Hypes und Herzschmerz
Regie: Mariska Lief
Drehbuch: Mariska Lief
Produktion: Gunnar Dedio, Roxana Hennig
Produktionsfirma: LOOKSfilm
Kamera: Benjamin Kahlmeyer, Daniel Laudowicz
Ton: Oli Winkler.
Redaktion: Klaus Reimann, Regina Rohde
In der ARD-Mediathek ab 23. Mai; am 1. Juni im Ersten.