Legal Affairs

Warum die Medienrechts-Serie die Blaupause für die moderne Arena der Krisen-PR ist

Gerichtsverfahren werden heute längst nicht mehr nur in holzgetäfelten Sälen entschieden, sondern in Echtzeit auf den digitalen Plattformen und in den Push-Meldungen der Nachrichtenseiten. In dieser hyperbeschleunigten Arena kollidieren die Interessen von investigativem Journalismus, digitaler Aufmerksamkeitsökonomie und strategischer Krisenkommunikation.

Die ARD-Serie Legal Affairs (2021) seziert diese Sollbruchstellen der modernen Öffentlichkeit so präzise und zynisch wie kaum ein anderes deutsches Fiction-Format. Für Medienschaffende – von Journalisten über PR-Strategen bis hin zu Medienrechtlern – ist die Serie weit mehr als bloße Unterhaltung: Sie ist ein hochaktuelles Lehrstück über die Verschiebung von Deutungsmacht und die Instrumentalisierung des Presserechts.

Worum geht’s?

Legal Affairs ist ein achtteiliges High-End-Anwaltsdrama aus dem Jahr 2021 (produziert von UFA Fiction für rbb und ARD Degeto). Im Zentrum steht keine klassische Strafverteidigung, sondern das moderne Medien- und Presserecht. Die Serie widmet sich dem erbitterten Kampf um Reputation, Privatsphäre und die Hoheit über das öffentliche Narrativ im digitalen Zeitalter. Zwischen Shitstorms, Deepfakes, politischer Erpressung und Boulevard-Kampagnen zeigt das Format, wie Recht zu einer strategischen Waffe im Kommunikationskrieg wird.

Handlung

Im Medientumult läuft Staranwältin Leo Roth (Lavinia Wilson) zur Höchstform auf. © MDR/ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Die Protagonistin Leo Roth (gespielt von einer brillant unterkühlten Lavinia Wilson) ist die erfolgreichste und gefürchtetste Medienanwältin Deutschlands. Ihre Kanzlei in Berlin-Mitte arbeitet nach einer kompromisslosen Devise: Wenn ein Konflikt juristisch nicht schnell genug zu lösen ist, muss er kommunikativ gelöst werden. Roth vertritt Spitzenpolitiker, Sportstars und Influencer, deren Existenz durch drohende Enthüllungen bedroht ist.

Der zentrale, systemische Konflikt der Serie entbrennt zwischen Roth und Götz Althaus (Stefan Kurt), dem skrupellosen Investigativ-Chef des Boulevardblatts Der Tag (eine unverkennbare Analogie zur Bild). Hier prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite ein Boulevardjournalismus, der Sensationen und Vorverurteilungen als Geschäftsmodell nutzt; auf der anderen Seite eine Krisen-PR, die mit einstweiligen Verfügungen, gezielten Gegen-Leaks und Einschüchterung den „Chilling Effect“ – also das systematische Einfrieren unliebsamer Berichterstattung – perfektioniert hat. Für Leo Roth geht es dabei nie um die moralische Wahrheit, sondern ausschließlich darum, wer am Ende die wirksamere Erzählung am Markt platziert.

Mit allen Wassern gewaschen: Kanzleichefin Leo (Lavinia Wilson, re.), ihre Zugpferde Cecil (Niels Borman, li.) und Elena (Maryam Zaree, Mitte li.), Detektivin Mimi (Michaela Caspar, Mitte re.) und Neuzugang Adrian (Aaron Altaras, hinten). © MDR/ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Privat bewegt sich Leo Roth in einer emotionalen Grauzone, die eng mit ihren Fällen verknüpft ist: Sie führt ein hochgradig kompliziertes, intimes On-Off-Verhältnis mit dem Staatsanwalt Thilo Hinrichs (Sebastian Hülk). Diese Affäre ist für sie Fluch und Segen zugleich – ein emotionales Ventil, aber auch eine Quelle für medienrechtlich brisante Insider-Informationen. Gleichzeitig entwickelt sich im Laufe der Ermittlungen eine hochgradig geladene, von tiefem Misstrauen und wachsender Anziehung geprägte Dynamik zu dem idealistischen Investigativ-Journalisten Jonas Lindberg (Jacob Matschenz). Lindberg fungiert als ihr moralisches Korrektiv, während Leos eigener Schwager, Innensenator Kai Fontaine (Rainer Sellien), durch eine fatale Affäre den alles bedrohenden politischen Skandal der Serie auslöst.

Hintergrund

Die Entstehungsgeschichte von Legal Affairs ist selbst ein medienpolitischer Coup: Initiator, Mit-Executive-Producer und strategischer Berater der Serie ist kein Geringerer als Christian Schertz. Schertz ist der bekannteste Medienrechtsanwalt Deutschlands und vertritt Spitzenprominenz aus Politik, Wirtschaft und Showgeschäft (darunter Jan Böhmermann, Günther Jauch und im viel beachteten Krisen-PR-Fall der Band Rammstein auch Till Lindemann).

Christian Schertz hat nicht nur in der Serie seinen Auftritt bekommen, sondern auch eine eigene Doku in der ARD: Christian Schertz und die Medien © MDR/HR/Till Brönner

Entsprechend fließen reale Fälle und Branchen-Insiderwissen direkt in die Drehbücher ein:

  • Die Boulevardzeitung Der Tag agiert im Atrium Tower am Potsdamer Platz – es erinnert an das Axel-Springer-Hochhaus, in dem Bild früher saß.

  • Episoden greifen verfremdete, aber reale Debatten auf: Die Folge #wannlandetlisa rekonstruiert fast eins zu eins den globalen Shitstorm um die PR-Managerin Justine Sacco aus dem Jahr 2013. Eine andere Episode persifliert das provokante „Institut für rosige Zeiten“ in klarer Anlehnung an das reale „Zentrum für politische Schönheit“.

  • Berühmte reale Mandanten von Schertz (wie Günther Jauch, Katarina Witt oder Inka Bause) haben augenzwinkernde Cameo-Auftritte oder werden namentlich als Mandanten von Leo Roth erwähnt.

Warum die Serie Film für Medienschaffende interessant ist

These 1: Die „Tribunalisierung“ der Öffentlichkeit hebelt den Rechtsstaat kommunikativ aus

Für Redaktionsleitungen und Medienhäuser verdeutlicht Legal Affairs ein fundamentales Phänomen: den Verlust des journalistischen Monopols bei der Informationsbewertung. Die Serie zeigt, dass im Zeitalter von Social Media die juristische Wahrheit irrelevant geworden ist, wenn das „Urteil“ der Öffentlichkeit bereits gefällt wurde. Leo Roth reagiert darauf nicht mit Schriftsätzen an Richter, sondern mit strategischem Content-Seeding. Für Journalisten ist dies eine Warnung: Wer heute zu schnell und ohne lückenlose Belege vorverurteilt (Stichwort: schlampige Verdachtsberichterstattung), wird von spezialisierten Anwaltskanzleien nicht mehr nur juristisch belangt, sondern kommunikativ dekonstruiert.

These 2: Die toxische Symbiose von Boulevard und Kanzlei-PR

Legal Affairs räumt mit dem Mythos auf, dass Presse und Medienanwälte reine Gegner sind. Tatsächlich zeigt die Serie eine zutiefst symbiotische, wenngleich parasitäre Beziehung. Beide Seiten brauchen den Skandal als Währung. Althaus benötigt brisante Leaks für seine Klicks; Roth nutzt exklusive Deals und das gezielte „Opfern“ weniger wichtiger Mandanten, um größere Katastrophen zu verhindern. Diese Grauzonen – der Handel mit Informationen hinter verschlossenen Türen – sind die Realität moderner Medienmetropolen. Der Beitrag der Serie liegt darin, diese Mechanismen schonungslos offenzulegen und Medienschaffende zur Selbstreflexion über ihre Quellenarbeit und Unabhängigkeit zu zwingen.

These 3: Die ultimative PR-Kampagne für die eigene Zunft (Die Schertz-Meta-Ebene)

Aus Sicht von Medienmanagern und Kommunikationswissenschaftlern ist die Serie selbst das faszinierendste Studienobjekt. Dass Christian Schertz als Co-Produzent auftritt, is ein genialer Akt des Self-Framings. Indem er eine Serie schafft, die zwar die „schmutzigen“ Methoden einer Medienanwältin (wie das manipulative Abfangen von Zeugen oder aggressives Drohen) zeigt, sie aber gleichzeitig als coole, moderne Heldin im Kampf gegen eine räuberische Boulevardpresse inszeniert, betreibt Schertz Imagepflege auf höchstem Niveau. Er etabliert den Medienanwalt im kollektiven Bewusstsein als notwendigen Schild gegen die ethische Verwilderung des Journalismus. Ob das dann real auch so ist, sei mal dahingestellt. Ein Lehrstück für Produkt- und Markenmanager, wie man Fiktion zur strategischen Markenbildung nutzt.

These 4: Deepfakes und Desinformation erfordern neue Verifikations-Infrastrukturen

In der Episode Deep Fake wird ein manipuliertes Sex-Video eines Spitzenpolitikers verbreitet. Die Kanzlei muss innerhalb von Stunden nachweisen, dass es sich um eine KI-Generierung handelt, während die Redaktion von Der Tag unter massivem Druck steht, die Story zu bringen. Diese Dynamik antizipiert die größte Herausforderung für heutige Newsrooms: Das klassische Vier-Augen-Prinzip versagt unter dem Zeitdruck digitaler Distribution. Für Verlags- und TV-Produktmanager ist die Serie ein Plädoyer dafür, massiv in Verifikationstechnologien, Fact-Checking-Teams und medienrechtliche Schulungen direkt in den Redaktionen zu investieren, um existenzbedrohende Haftungsrisiken im Web 3.0 zu minimieren.

Stats

Besetzung

Schauspieler

Rolle

Funktion in der Kanzlei / im Plot

Lavinia Wilson

Leo Roth

Kanzleiinhaberin & Staranwältin

Maryam Zaree

Elena Caspari

Ehrgeizige Partner-Anwältin

Niels Bormann

Graf Cecil von Carlsburg

Anwalt für das „Grobe“ und Recherche

Aaron Altaras

Adrian Beshira

Neuer, idealistischer Kanzlei-Assistent

Michaela Caspar

Mimi Tahar

Erfahrene Privatdetektivin der Kanzlei (Ex-Prostituierte)

Stefan Kurt

Götz Althaus

Investigativ-Chef der Boulevardzeitung „Der Tag“

Jacob Matschenz

Jonas Lindberg

Investigativ-Journalist beim Magazin „Format“ & Leos moralischer Gegenpart

Sebastian Hülk

Thilo Hinrichs

Staatsanwalt, Leos Ex-Lebensgefährte & heimliches On-Off-Verhältnis

Rainer Sellien

Kai Fontaine

Berliner Innensenator & Leos Schwager (Auslöser der Hauptaffäre)

Annika Kuhl

Ulli Fontaine

Leos Schwester, Ehefrau von Kai Fontaine

Stab

Position

Name

Idee & Konzept

Prof. Dr. Christian Schertz

Regie

Randa Chahoud, Stefan Bühling

Drehbuch

Christoph Callenberg, Felice Götze, Christine Henlein, Lena Kammermeier, Thomas André Szabó, Florian Wentsch

Kamera

Julian Hohndorf, Jan Prahl

Produzenten

Benjamin Benedict, Karoline Griebner (UFA Fiction)

Executive Producer

Prof. Dr. Christian Schertz, Martina Zöllner (rbb), Kristina Henning (UFA)

Musik

David Grabowski, Jonas Nay (Titelmusik: Tutti Bounce, Vaterthema: Till Brönner)

Redaktion

Kerstin Freels (rbb), Claudia Luzius (ARD Degeto)

Weitere Informationen

Parameter

Daten / Spezifikationen

Originaltitel

Legal Affairs

Produktionsland

Deutschland

Originalsprache

Deutsch

Genre

Drama, Legal Series

Episoden / Staffeln

8 Episoden (1 Staffel)

Länge pro Episode

ca. 45 Minuten

Produktionsfirma

UFA Fiction im Auftrag des rbb und ARD Degeto

Erstausstrahlung (Streaming)

17. Dezember 2021 (ARD Mediathek)

Erstausstrahlung (TV)

19. Dezember 2021 (Das Erste)

Verfügbarkeit

ARD Mediathek (zeitweise), diverse Streaming-Plattformen

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Der Beitrag wurde von einem Redakteur mit zusätzlicher Unterstützung von KI-gestützten Large-Language-Modellen erstellt.